Nikolai Winter

Von Nadine A. Brügger

Basel. Auf dem Oberengadiner Berg Muottas Muragl thronte ein Stinkefinger. Tonnenschwer und graziös zeigte die lackierte Hand mitsamt ihrer klaren Botschaft Richtung St. Moritz. Davor machten die charmanten Hände mit dem Titel «Doigt d’honneur» auch Zürichsee und Bahnhofstrasse klar, was Sache ist – Gigi Kracht zeigte sie in ihrer Ausstellung «Art in the Park».
Wenn es um Luxus geht, weiss auch Künstler Nikolai Winter, was Sache ist: Der Sohn von Unternehmer Philippe Winter und Eiskunstläuferin Brigitte Walter entstammt selber jener Gesellschaft, auf die er mit seinem lackpolierten Finger zeigt. Er tut es weder vorwurfsvoll noch verzogen, sondern mit der Nonchalance des Alteingesessenen, der Narrenfreiheit einer Minderheit. Kürzlich wurde Winter von Swarovski beauftragt, ein Werk für das hauseigene Museum, die Swarvoski Kristallwelten, zu kreieren.

Luxus und Nachdenklichkeit
Winter schweisste einen überdimensionierten Swarovski-Schwan in Aluminium: Jeglichem Nutzen entzogener Luxus – ein Thema, das Winter in seiner Reihe «Luxury goods» bearbeitet. Eine der Ersten, die ihm dazu gratuliert hat, ist seine Halbschwester, Kristall­erbin Fiona Swarovksi. Rolex, Rolls-Royce, Dom Pérignon oder Ray-Ban- Brille: Winters Kunst kennt keine Obergrenze. Wer jetzt allerdings denkt, er habe den jungen Künstler durchschaut, muss weiterlesen. So einfach ist er nicht.
Nebst Chrom und Lack steckt in Winters Werken nämlich vor allem eines: Nachdenklichkeit. Der Basler setzt sich gerne mit der Welt des Luxus auseinander, macht den Konsum zu seinem Kronthema und klotzt – aber nicht nur um des Klotzens willen. Aus einem Rolls-Royce wird ein Buddha, weil «Langlebigkeit und Nachhaltigkeit nicht das Gleiche ist», eine Rolex Daytona – Neuwert zehn- (Basisversion) bis hunderttausend (mit Diamanten) Franken – vakumiert er in Aluminiumfolie.

Dom Pérignon in Folie
«Luxus steht für Überfluss», erklärt Winter, «gleichzeitig sind Wertschätzung und -schöpfung eines Luxusobjekts viel höher als bei einem Alltagsgegenstand.» Mit Blick auf die einge­schweisste Rolex, erklärt er die Frucht seiner Überlegung: «Wer sich für eine Swatch entscheidet, leistet sich in seinem Leben bestimmt mehr als eine Uhr. Sie ist ein Accessoire, ein Gebrauchsgegenstand – austauschbar. Wer sich eine Rolex leistet, gibt sie an die Nachkommen weiter.»
Winter, der selber überhaupt keine Uhr trägt, hat auch eine Flasche Dom Pérignon in Folie verpackt und damit vollständig nutzentfremdet: «Trinkt man eine Flasche Dom Pérignon, tut man das anders, als bei einer Flasche Sekt. Der Genuss wird zelebriert, der Moment intensiviert, die Flasche danach womöglich aufgehoben.» Damit werden Luxusgüter zum Aushängeschild der Nachhaltigkeit. Doch was macht sie überhaupt zum Luxusgut? Da sind die hochwertigen Materialien, die Qualität der Herstellung – und der Name: «Luxus hat vor allem einen emotionalen Wert.» Wer eine Rolex will, will keine qualitativ vergleichbare Uhr, er will die Rolex. «Indem ich Luxusobjekte in Alufolie geschweisst habe, wurden sie komplett zweckentfremdet. Ich habe ihnen jeden Nutzen entzogen», sagt Winter. Da schwingt auch ein Stolz darüber mit, dass den Dom Pérignon niemand mehr trinkt, durch die Ray-Ban- Brille keiner je wieder blickt und die Zeitanzeige der Rolex verdeckt ist: «Die Luxusobjekte sind 100 Prozent emotionalisiert.» Was bleibt, ist die Form.
Die Form wollte Winter auch von Chanel Nr. 5. – Er hat bei Chanel Schweiz angefragt, ob er eine der Schaufensterflaschen haben könne. Er hat keine bekommen – man wollte die Flasche nicht zweckentfremdet sehen – und sich selbst geholfen. Das Produkt gefiel nun wiederum Chanel France so gut, dass man es für das hauseigene Museum kaufte. Der junge Mann grinst verschmitzt: «War dann wohl doch nicht so schlimm, die Zweckentfremdung.» Der Rolls-Royce war kaputt, bei Winter wurde er als Buddha wiedergeboren. «Ich will damit zeigen, wie wichtig Nachhaltigkeit ist. Unsere Wegwerfgesellschaft geht ja nicht einmal mehr zum Schuhmacher», ruft er aus. Um diese Aussage zu unterstreichen, hat Winter 2011 Dutzende Red-Bull-Büchsen zu Würfeln zusammengepresst. Jetzt sind das Ufos.

Sympathische Widersprüche
Ein gutes Netzwerk kann Gold wert sein – Winter verfügt seit Kindertagen gar über ein exzellentes. Das bedeutet für ihn allerdings nicht, sich einfach auf den weichen Federn auszuruhen – er feilt fleissig an seiner Karriere. Er führte Arbeiten für die Pop-Art-Ikone Mel Ramos aus – mittlerweile ist er dessen Assistent. Über dem Schreibtisch hängt eine persönlich gewidmete Bleistiftzeichnung. Dita von Teese im Cocktailglas. Auch für den Konsuminszenierer Jeff Koons, ganz klar ebenso ein Vorbild für Winter, wie Ramos eines ist, macht er aus Ideen fertige Kunstwerke. Mit dem österreichischen Künstler Erwin Wurm ist Winter gut befreundet.
Seine Werke fanden Eingang in internationale Sammlungen, unter anderem auch in jene von Hans Imholz. Dort steht nun Winter – zwischen Christo und Tinguely. Obwohl der heute 27-Jährige sein erstes Werk als Teen­ager verkaufte, beginnt er erst jetzt langsam daran zu glauben, dass die Kunst seine Zukunft ist. Ihr voraus ging darum keine Kunsthochschule, sondern etwas Handfestes: ein BWL-Studium, an der Hochschule St. Gallen natürlich.

Überall Modelle und Versuche
Winter grinst frech. Dann zuckt er die Schultern. «Sägen, Schweissen, Schleifen, Spritzen – Handwerken, halt – habe ich mir selber beigebracht.» Winters Atelier ist eine alte Waggon-­Fabrik. Das Holz ist morsch vom Wind, das festgemachte, übergrosse Tor erinnert noch daran, dass hier einst Eisenbahnwagen herkamen. Im Winter wird es hier sehr kalt, jetzt, im Sommer, bald schweisstreibend heiss. Winter tritt durch das kleine Türchen hinein in das Dämmerlicht des alten Schuppens.
Er hat einen eigenen Spritzraum, eine Werkbank und einen Ausstellungsraum. Überall stehen Modelle und Versuche herum. «Kürzlich habe ich eine Dokumentation über Robbenhaare gesehen. Die sind so gedreht, dass sie aero- und aquadynamisch sind. Faszinierend. Vielleicht mache ich etwas damit», sinniert Winter. Rechts neben ihm thront der Buddha, die Kühlerfigur seiner alten Existenz in den Lotushänden, links davon prangt ein riesenhafter Converse All Star durch die Aluminiumverpackung. Zu sehen sind die Werke in Zürich, bei Scheublein und Bak.