Nikolai Winter

TEXT CAROLINE MICAELA HAUGER
FOTOS KURT REICHENBACH

Es ist nicht seine Jahreszeit. Oder doch? Dick vermummt arbeitet Nikolai Winter an einer Brillen-Skulptur in seinem 200 Quadratmeter grossen Atelier. In der Halle in Münchenstein bei Basel ist es eisig kalt. Dennoch springt hier der berühmte Funke über, das «feu sacre» - das heilige Feuer. Es treibt den Künstler an, mit Herzblut Grosses und Neues zu schaffen.
     Das Herz versinnbildlicht Intuition, Fantasie und Leidenschaft. Das Blut steht für harte Arbeit, Anstrengung und die Bereitschaft, für seine Ziele Opfer zu bringen. Nikolai Winter könnte es sich leisten, in den kältesten Monaten des Jahres gar nichts zu tun. Vom Output zu zehren, den er im Sommer erschaffen hat. Für den jungen Künstler, der am 12.12.2012 seinen 25. Geburtstag feierte, keine Option: Lieber zeigt er den Stinkefinger.
     Ob auf Muottas Muragl hoch über dem Jetset-Paradies St. Moritz oder noch bis zum 4. Januar 2013 in der Ausstellung «Art in the Park» im Hotel Baur au Lac in Zürich: seine übergrossen Hand-Skulpturen aus Aluminium und in edlem Metallic-Look provozieren. «Die Reaktionen reichen von Lob bis Verständnislosigkeit. Dabei ist die obszöne Geste nicht böse gemeint, sondern in unserer Gesellschaft allgegenwärtig.»
    
Verführerische Frauenhände haben es dem Künstler angetan. Sie kosten zwischen 3500 und 25 000 Franken und wechseln in der Zürcher Galerie Scheublein Fine Art im Nu die Hand. Wie es dazu kam? «Unternehmer Beat Curti fragte mich vor fünf Jahren: <Kannst du eine alte tibetanische Holzhand, Mudra genannt, neu interpretieren?> Es war die Initialzündung für eine Serie, die mich bis heute beschäftigt.»
     Der Prototyp steht in Nikolai Winters Wohnung in Kleinbasel. Seit einenhalb Jahren lebt der Quereinsteiger, der wie sein Vorbild Jeff Koons Wirtschaft studiert hat, in dieser hellen Vier-Zimmer-Wohnung. Sein WG-Kumpel ist nur am Wochenende da. Das ökonomische Wissen hilft dem attraktiven Künstler (seine Freundin ist Studentin) bei der Vermarktung seiner Kunst. In den eigenen vier Wänden hat er Raum und Musse, seine Visionen voranzutreiben. Mit rasantem Tempo! Der Sohn aus gutem Haus (seiner Familie gehört die Winter & Company AG in Basel) ist gerade dabei, den Kunstkosmos zu erobern. Zu seinen Fans gehören Sammler aus Europa, Asien und Übersee, aber auch Prominente wie Lindt & Sprüngli-CEO Ernst Tanner, Regisseur Michael Steiner oder Jetsetterin Fiona Swarovski (die österreichische Kristallerbin ist seine Halbschwester). Im ehemaligen Club von Carl Hirschmann an der Bahnhofstrasse in Zürich erregte Nikolai Winter mit seinem manikürten Mittelfinger für Aufsehen. In Gunter Sachs Dracula-Club in St. Moritz schuf er eine Discokugel in Knoblauchform - den «Dracula Garlic».
     Bereits mit zwölf Jahren verblüffte Nikolai seine Familie mit Duplikaten von Niki de Samt Phalle. Dass der Junge Talent hat, bestätigte sich Jahre später: Ein schwedischer Sammler kauft ihm kurzerhand erste Erzeugnisse ab. 2004 realisiert Nikolai seine eigenen Schöpfungen. Er eignet sich Produktionsmethoden an und experimentiert mit modernsten Materialien. Der Perfektionist erwarb sein Wissen autodidaktisch. Vom Modell, das er als 3-D-Zeichnung auf dem Computer entwirft und in Styropor schnitzt, bis zum fertigen Ready-Made in Aluminium oder mit dezenter Farb-Lackierung möchte Winter so viele Arbeitsprozesse wie möglich selbst ausführen.
     Seit Neustem befasst sich der Shootingstar mit der Symbolik von Luxusgütern. Auf einem selbst entworfenen, schwarzen Podest thronen eine übergrosse Rolex-Uhr, ein Hermes-Gürtel oder Chanels legendäre Duftkreation No 5. Die Zeitgeistikonen sind vakuumverpackt und mit einer glänzenden, hauchdünnen Chromhülle überzogen. Dabei ist seine Message nicht «Ich blende euch - kauft mich».
     Die Luxusobjekte hat Nikolai Winter symbolisch verschweisst. «Damit will ich zum Dialog über Nachhaltigkeit, Oberflächlichkeit und Luxus anregen.» Die filigranen Kunstwerke gehören zur Serie «Luxury Goods», die er kontinuierlich erweitert. Zum Beispiel mit bekannten Markenartikeln wie Ray-Ban-Brille, Coca-Cola-Glasflasche oder Converse Turnschuh. «Die Banalität des Alltags hat schon Pop-Art-Künstler Andy Warhol fasziniert und lässt auch mich nicht los», sagt der Schwerarbeiter und lächelt charmant. Bis zu zehn Stunden feilt Winter täglich an seinen Kunstkreationen. Nebenbei arbeitet er als persönlicher Assistent für die amerikanische Pop-Art Legende Mel Ramos.
    
Respekt für sein grösstes Schlüsselwerk zollt ihm auch der österreichische Superstar und Gegenwartskünstler Erwin Wurm, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Dabei handelt es sich um einen 250 Kilogramm schweren Buddha, in den Nikolai Winter 900 Arbeitsstunden investiert hat. Vom prunkvollen Statussymbol zur neuen Bescheidenheit: Die Gottheit war im früheren Leben einmal ein alter RollsRoyce.